Gegen das Vergessen – Ein Blick in die Familienakten aus NS‑Zeiten
Frieda von Geraldine Oetken ist kein Roman, keine
ausgeschmückte Geschichte – es ist die beharrliche Recherche einer
Urgroßnichte, die weit über das Leben ihrer Verwandten hinaus in die Abgründe
der NS‑Zeit vordringt.
Drei Jahre lang hat die Autorin versucht, Fakten und Spuren
über das Leben ihrer Urgroßtante Frieda zusammenzutragen, die 1941 in einer
Anstalt für Menschen mit Behinderungen starb. Sofort denkt man an die
systematische Euthanasie und den grausamen Umgang mit Menschen, die nicht der
nationalsozialistischen Norm entsprachen. Doch über Frieda selbst ist kaum
etwas erhalten: eine klinisch saubere Akte, ohne Hinweise darauf, wie sie
lebte, wer sie war oder wie sie starb.
Also beginnt Oetken, in den weiteren Kreisen zu suchen. Sie
durchforstet Patientenakten, gräbt tief in der eigenen Familiengeschichte und
schreckt nicht davor zurück, als sich zeigt, dass auch ihre Vorfahren Teil des
Systems waren – und sie selbst indirekt Nutznießerin der damaligen Erträge ist.
Das Buch macht eindringlich klar, dass Nazideutschland nicht
nur aus Hitler, Goebbels und der Machtzentrale bestand. Millionen Menschen
trugen das Regime mit, oft weit entfernt von Berlin, und wurden so zu
Täterinnen und Tätern. Viele der Fakten und Statistiken, die Oetken
zusammenträgt, scheinen zunächst nicht direkt mit Frieda verbunden – und doch
zeichnen sie das Umfeld, in dem Frieda lebte und starb, mit erschütternder
Präzision nach.
Frieda ist ein wichtiges, berührendes und aufklärendes Buch. Trotz seines dokumentarischen Charakters liest es sich erstaunlich anregend; der Erzählstil hält einen mühelos im Text. Für alle, die sich mit Familiengeschichte, Erinnerungskultur und der Frage nach individueller Verantwortung im NS‑Staat beschäftigen, ist es eine klare Leseempfehlung.





